Die Inder haben Langeweile

Jetzt sind wir in Udaipur. Hergekommen sind wir in einem sehr schönen Schlafbus. Richtig mit Betten. Ich hab in Deutschland noch nie von sowas gehört. Ist das überhaupt erlaubt? Man kann sich ja schließlich nicht anschnallen.
Udaipur ist eine schöne Stadt. Mit einem See und hübschen Häusern. Was für Indien doch eher ungewöhnlich ist. Genau wie in Jaisalmer und wahrscheinlich für den Rest der Reise ist es hier viel zu heiß. Vierzig Grad oder so. Mittags lässt sich das nur im Hotel aushalten. Ein gutes hat die Hitze allerding: Die Touristensaison ist vorbei. Die Hotels sind billiger und viele Läden haben geschlossen. Was ganz entspannt ist, weil einen weniger Leute drängen, etwas zu kaufen. Man sollte wissen, dass man trotzdem noch in der ganzen Stadt Touristen sieht. Sie sind überall. Wie sieht es hier erst in der Hochsaison aus?
Die Inder langweilen sich. Sie liegen vor oder in ihren Läden und schlafen. Und sie sprechen uns an. Nicht, um etwas zu verkaufen. Nur, um sich zu unterhalten. Es ist ja so wenig los. Gestern haben wir uns zwei Stunden mit einem Verkäufer unterhalten. Die erste Stunde war das ganz nett. Dann wusste man irgendwann nicht mehr, worüber man noch reden soll. Trotzdem wollte er uns abends nochmal sehen. Na gut. Und heute nochmal. Ne, langsam reicht es. Jetzt probieren wir, seinen Shop zu umgehen. Trotzdem, es war ganz nett. Und er hat tatsächlich nicht probiert, uns etwas zu verkaufen.

Riding on a Camel

Die letzten zwei Tage haben wir eine Kamelsafari durch die Wüste Thar gemacht. Es war einfach super. Außer uns beiden waren noch ein Engländer und ein Französisches Pärchen dabei. Alle wahnsinnig nett, was das Ganze noch viel besser gemacht hat. Vor allem haben sie es geschafft, in den ganzen zwei Tagen kein einziges Mal zu sagen: „Ich wünschte, ich hätte in eurem Alter auch so eine Reise wie ihr gemacht.“ Ich hasse diesen Spruch. Wir bekommen ihn von jedem zu hören. Das ist besonders schlimm, wenn uns das irgendwelche 22-jährigen erzählen, die ja dann doch nicht so viel älter als wir sind. Aber wie gesagt, diesmal wurde uns das zum Glück nicht gesagt.
Gestern früh sind wir erst einmal etwas aus Jaisalmer, wo wir jetzt sind, herausgefahren und dann ging es auf die Kamele. Die wurden erst mit allem Essen, Wasser, Decken und was man sonst so braucht beladen, und dann kamen wir. Auf einem Kamel zu reiten ist eigentlich nicht so schwer. Also reiten vielleicht schon, aber da unsere Kamele hintereinandergebunden waren, mussten wir nur oben bleiben. Es ist zwar ganz schön hoch und schaukelt ordentlich, aber oben zu bleiben ist einfach. Schwieriger ist es, wenn das Kamel aufsteht oder sich hinlegt. Beim Aufstehen schaukelt es ziemlich und wenn ein Kamel sich hinlegt hat man oft eher das Gefühl, es würde hinfallen. Nicht besonders angenehm. Ansonsten fand ich das Reiten aber ganz entspannt. Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen und die Landschaft zu betrachten.
Die Wüste Thar ist keine Bilderbuchwüste mit endlosen Dünen bis zum Horizont. Die meiste Zeit ist sie eher steppenartig. Sandboden mit Grasbüscheln und vertrockneten Sträuchern, aber auch einige Büsche mit grünen Blättern und lila Blüten. Außerdem Ziegen, Kühe und Antilopen. Ab und zu sieht man irgendwelche Tierskelette herumliegen. Einmal sehen wir zwei Antilopen vorbeirennen, ein Hund verfolgt sie. Irgendwann sind sie verschwunden ohne dass wir wissen, wer dieses Rennen gewonnen hat.
Um neun Uhr sind wir losgeritten, um halb elf machen wir im Schatten eines Baumes Mittagspause. Essen, spielen Karten, Dösen. Erst um halb fünf, als die Sonne nicht mehr so brennt, reiten wir weiter. Auch nur bis sechs. Dann erreichen wir eine Sanddüne, wo wir übernachten werden. Zuerst gibt es einen wunderbaren Sonnenuntergang über den Dünen. Nach und nach kommen die Sterne. Ein schöner Sternenhimmel. Fast kein Licht stört die Sterne, nur in der Ferne ist der Lichtschein eines Dorfes. Trotzdem, ich hatte mir mehr Sterne erhofft. Der Sternenhimmel sah super aus, aber so einen Himmel habe ich in Deutschland auch schon gesehen.
Als wir schön in unseren Betten liegen und den Himmel betrachten, fangen unsere Führer an zu trommeln und zu singen. Es klingt grauenhaft. Das ist fieß, aber es stimmt. Ihr Gesang zerreißt die friedliche Stille, die vorher war. Es klingt einfach sehr nach Gejammer. Stellt euch einen Betrunkenen vor, der probiert, zu singen und dabei herumjammert, wie schlecht alles ist. So klang das. Meint man das, wenn man in Büchern schreibt „Die Einheimischen singen klagende Lieder“? Ich hatte mir das deutlich besser vorgestellt.
Heute war es zumindest gefühlt deutlich heißer als gestern. Die Kleidung ist vollkommen verschwitzt, wir sind dreckig von Sand und Staub und wir wollen alle nur noch eins: Eine Dusche. Als ich dann von meinem Kamel steige, bin ich trotzdem etwas traurig. Wer weiß, ob ich noch einmal auf einem durch die Wüste reiten kann.

„What is your village name?“ – „Germany“

Jetzt sind wir in Jodhpur, der blauen Stadt. Im Gegensatz zu Jaipur passt der Name hier tatsächlich. Viele Häuser in der Altstadt sind blau. Man hat die Häuser mit Indigo gestrichen, weil das Insekten fernhalten soll.
Neben dem üblichen Sightseeing (ein Fort und der Palast des Maharadscha) haben wir heute eine Village Safari gemacht. Dabei sieht man sich einige Dörfer der Bishnoi an. Die sind eine Volksgruppe in Rajasthan und quasi die ersten Umweltschützer. 1485 haben sie 29 Regeln aufgestellt die unter anderem das Fällen von Bäumen verbieten weil das Dürrezeiten verhindert.
Die Tour war wirklich interessant, wir haben die traditionelle Herstellung von Teppichen, Tüchern und Töpferwaren gesehen. Vor allem das Töpfern fand ich ziemlich beeindruckend, weil die es schaffen, nur nach Augenmaß exakt gleiche Gefäße herzustellen, die wie maschinell gefertigt aussehen. Einen der leeren Wasserkrüge konnten wir dann wie indische Frauen auf unseren Kopf setzten. Die sind ganz schön schwer. Wenn da dann noch ein paar Liter Wasser drin sind, muss das wirklich schwer sein, den zu tragen. Und bei den Inderinnen sieht das immer ganz einfach aus.
Später setzten wir uns dann noch mit einer Familie zusammen. Die Kommunikation ist etwas schwierig, da keiner den anderen wirklich versteht. Aus welchem Dorf wir den kommen? „Deutschland“ sagen wir beide. Auch da wäre ich schon nicht sicher, ob sie wissen, wo das ist. Ob wir verheiratet sind? Nicht? Aber mit 18 muss man doch heiraten? Wie viele Geschwister wir haben. Eine Schwester. Mitleidige Blicke. Darleen? Keine Geschwister. Was? Jetzt wirken sie wirklich geschockt.
Später bieten sie uns noch Opiumtee an. Opium ist zwar eigentlich verboten, aber das interessiert keinen. Wir lehnen das mal lieber ab. Ungefiltertes Wasser mit Opium drin ist ungefähr das letzte, was wir hier trinken sollten. Sie gucken verwundert. Es gehört zum guten Ton, seinen Gästen Opiumtee anzubieten. Es tut mir ja doch leid, so unhöflich zu sein, ihn auszuschlagen. Aber muss echt nicht. Wir bleiben lieber bei normalem Chai.

Indische Küche

Die letzten zwei Tage haben wir einen Kochkurs gemacht. Jetzt können wir alle unsere indischen Lieblingsgerichte. Und das sind viele. Glücklicherweise kann Suman, unsere Lehrerin, auch richtig gut kochen. Und lustigerweise kann ihr Mann fließend Deutsch, weil er zehn Jahre in Deutschland elebt hat. Suman hat acht Monate dort gelebt und kann auch etwas Deutsch. Zufälle gibt es.
Das Kochen ist eigentlich gar nicht so schwer, aber die Inder haben so viele Pfannen, die wir gar nicht haben. Eine Frittierpfanne zum Beispiel. Ganz wichtig. Für die Hausmanskost zwar nicht, aber für viele der sehr leckeren Sachen schon. Fast Food schmeckt halt immer. Und eine flache Pfanne ohne Rand, damit man Fladenbrot machen kann. Wird man wohl zu Hause kaufen müssen.
Es ist auf jeden Fall gut, dass wir das jetzt alles kochen können, denn viele der Sachen gibt es in Deutschland wirklich nicht zu kaufen. Auch nicht in indischen Restaurants. Die sind irgendwie nicht so richtig authentisch. Zumindest alle, bei denen ich bis jetzt war. Vor allem unsere Lieblingssüßigkeit Gulab Jamun würden wir sonst furchtbar vermissen. Das sind kleine aus Milch hergestellte Bällchen, die frittiert und dann in Sirup getaucht werden. Wie alle indischen Süßigkeiten wahnsinnig ungesund und super süß. Beim ersten Mal findet man das viel zu süß, aber mit jeden Mal essen wird es besser, man wird richtig süchtig davon.
Das ist bei ziemlich viel Essen hier so. Entweder es ist am Anfang zu scharf oder zu süß oder sonst etwas, man wird früher oder später süchtig davon. Oder aber, das Essen schmeckt die ersten paar Male und wird dann immer schlechter. So wie Dal. Die ersten paar Male war der sehr lecker, aber dann reicht es irgendwann. Um dieses Phänomen zu beschreiben, das indisches Essen irgendwie nicht immer gleich gut schmeckt, hat Darleen den schönen Begriff der „diskontinuierlichen Geilheit“ erfunden. Ich finde, das trifft es sehr gut.

Entspannt in Jaipur

Jetzt sind wir in Jaipur. Jaipur gehört neben Delhi und Agra zum „goldenen Dreieck“, den Städten, die sich alle Touristen angucken. Da uns das viele Rumreisen der letzten Tage doch relativ fertig gemacht hat, haben wir uns jetzt mal ein schönes Hotel gegönnt. Kein Schimmel im Bad, ganz sauber und es riecht gut. Wie viel das doch ausmachen kann.
Jaipur selbst ist für seine Altstadt berühmt, die rosarote Stadt. Der Name kommt daher, dass die Häuser in einer rosaroten Farbe gestrichen sind. Naja. Die eine Hälfte ist gelb, die andere Orangebraun. Nur der Stadtpalast ist eigentlich rosa. Trotzdem, schön sieht es aus. In der Altstadt gibt es eine Art Sternwarte aus dem 18. Jahrhundert, die ziemlich eindrucksvoll ist. Unter anderem gibt es dort eine riesige Sonnenuhr, mit der man die Zeit bis zu zwei Sekunden genau bestimmen kann. Ich finde es ziemlich beeindruckend, dass man so exakt bauen konnte damals.
Heute haben wir uns einen Palast und ein Fort außerhalb von Jaipur angeguckt. Und einen Wasserpalast. Der steht wirklich in der Mitte eines Sees. Nur mit dem Boot zu erreichen. Allerdings kann man ihn sowieso nicht betreten. Aber er sieht auch vom Ufer aus sehr eindrucksvoll aus. Als würde er im Wasser versinken.
Auf dem Rückweg kaufe ich mir einen Becher mit Zuckerrohrsaft. Das Zeug ist echt lecker. Als der Plastikbecher leer ist, möchte ich ihn in meine Tasche stecken, um ihn im Hotel in den Mülleimer zu werfen. Denn auf der Straße gibt es natürlich keine. Der Rikshawfahrer besteht darauf, meinen Becher zu nehmen und auf die Straße zu werfen. Warum? „This is not Germany, this is Jaipur.“

Ma’am beautiful Saree

Wir sind in Agra. Da waren wir zwar schon, aber wir hatten das Gefühl, wir müssen nochmal herkommen. Das Taj Mahal nochmal sehen und außerdem die anderen Sehenswürdigkeiten, für die wir beim letzten Mal keine Zeit hatten.
Heute früh sind wir um fünf Uhr aufgestanden, um den Sonnenaufgang am Taj Mahal zu sehen. Wir waren ein bisschen spät dafür, am es sah trotzdem ziemlich schön aus. Und wir waren wirklich wie die schlimmsten Touristen. Fotos machen im Saris am Taj Mahal. Einige Leute haben uns ausgelacht, aber sehr viele haben uns erzählt, wie schön das aussieht. Hach, da freut man sich.
Bis wir die Saris zu unserer Zufriedenheit anhatten, hat es sehr lange gedauert. In einem Sari laufen geht ganz gut, aber sich bücken, hinsetzten und alles andere erfordert etwas Übung. Wie die Inderinnen das ganz entspannt machen, verstehe ich nicht. Aber Saris sehen einfach wirklich schön aus. Sehr elegant. Wenn man sich denn darin bewegen kann.
Eine andere deutsche Touristin stand auch im Sari herum. Allerdings wusste sie nicht einmal wirklich, wie man ihn wickeln muss. Als wir probiert haben, ihr zu helfen, kamen mehrere Inderinnen an, die das übernommen haben. Außerdem haben sie unsere Saris gleich noch schön zurechtgezupft und uns zum Schluss noch ihre Bindis geschenkt. Das sind diese kleinen roten Punkte, die sich Inderinnen immer auf die Stirn kleben. Ohne die fanden sie unser Outfit wohl einfach nicht komplett.

Holi, wie es wirklich ist

Die letzten zwei Tage haben wir uns Varanasi angeguckt. Die heiligste Stadt für die Hindus. Wer hier stirbt, soll nicht noch einmal wiedergeboren werden. Am Ganges werden Tag und Nacht Leichen verbrannt. Ich hatte mir das ja sehr merkwürdig vorgestellt, die Leichen selber hat man aber eigentlich kaum brennen sehen. Was vielleicht ganz gut so ist.
Wirklich ekelhaft ist aber, dass viele Leichen (Kinder, Schwangere, Lepra-Kranke und Menschen, die von Scorpionen gebissen wurden) gar nicht verbrannt werden. Stattdessen werden ihre Leichen einfach so in den Ganges geworfen. Und darin Baden jeden Tag sehr viele Inder, weil das Glück bringen soll. Widerlich.
Außerdem haben Darleen und ich uns jeder einen Sari gekauft, das traditionelle Kleidungsstück für indische Frauen. Eine sehr knappe, bauchfreie Bluse und ein dünner, fünf Meter langer Stoff. Der wird dann kunstvoll um den Körper gewickelt. Wir kriegen das zwar hin, aber es sieht bei weitem nicht so schön aus wie bei den Inderinnen. Und ob ich mich darin vernünftig bewegen kann, weiß ich auch noch nicht. Aber Übung macht schließlich den Meister.
Heute war Holi. Das Farbfest mit dem die Inder den Frühlingsanfang feiern. Die Menschen bewerfen sich mit bunten Pulver oder Wasser. In Deutschland gibt es ja jetzt auch schon ein Holi Festival. Wir hatten das richtige. Holi kommt außerdem in jeden westlichen Film vor, der in Indien spielt.
Allerdings ist das hier doch etwas anders. Es ist unmöglich, morgens aus dem Haus zu gehen und von Holi überrascht zu werden. Die Menschen fangen schon mindestens einen Tag vorher an,, sich zu bewerfen. Nicht so viel wie heute, aber trotzdem. Außerdem haben uns mehrere Menschen gesagt, wir sollten das Hotel bis zwei Uhr mittags nicht verlassen, weil es dann so schlimm wäre. Ich bin nur einmal auf die Hotelterasse gegangen. Und wurde dort vollkommen mit buntem Wasser vollgeschmiert. Vor allem im Gesicht. Als wir dann um zwei Uhr das Hotel verlassen haben, war schon gar nichts mehr los, alle Leute waren schon wieder am aufräumen. Weil es natürlich nicht geht, dass Darleen nicht bunt ist, haben die Leute im Hotel sie kurzerhand auch noch mit Pulver eingeschmiert.
Ganz so lustig, wie ich mir das vorgestellt hatte, war es aber irgendwie nicht. Entweder, die Menschen werden so aufdringlich, dass man gar nicht nach draußen kann, oder es passiert gar nichts. Trotzdem, Darleen mit Pulver vollzuschmieren war schon lustig.
Das Problem ist, dass diese Farbe sehr sehr schlecht wieder abgeht. Ich habe mich heute insgesamt bestimmt zwei Stunden gewaschen, aber wirklich sauber bin ich immer noch nicht. Die Farbe geht schon irgendwann ab, aber das dauert sehr sehr lange. Ob ich die aus der Kleidung wieder rausbekomme, weiß ich auch noch nicht. Irgendwie sahen die meisten Inder allerdings abends schon wieder sauber aus. Wie auch immer die das machen. Aber das lässt mich hoffen, dass ich diese farbe auch wieder vollständig entfernen kann.