Ja, wir leben noch

Wir sind immer noch in Goa. Nicht besonders aufregend, aber sehr schön. Ich habe das Gefühl, mit jedem Tag, den wir hier sind, wir es heißer. Was vielleicht stimmt. Direkt am Strand weht ein angenehmer Wind, aber weiter als 30 Meter sollte man nicht vom Wasser weg sein.
Gestern Abend waren wir zufällig in einem Restaurant, wo Karaokeabend war. Das Publikum: Reiche Mittelklasse-Inder, die anscheinend im Ort wohnen. Jeder kennt jeden. Der Moderator spricht Englisch komplett ohne indischen Akzent. Eher mit amerikanischem. Sehr ungewöhnlich. Er beschwert sich darüber, dass zu wenig applaudiert wird: „Nobody is clapping tonight, yaar“, sagt er mit einem nachgemachten indischen Akzent und grinst dabei breit. Ein Inder, der sich über den indischen Akzent lustig macht. Das war ziemlich witzig.
Generell habe ich hier in Goa schon sehr viele Familien gesehen, die nur oder fast nur in Englisch miteinander reden. Das fühlt sich irgendwie falsch an. Ich bin daran gewöhnt, sie nicht zu verstehen. Und außerdem tut es mir um die indischen Sprachen leid.
Man merkt Goa an, dass es lange Zeit portugiesisch war. Die Leute sind Christen und tragen Kreuzkettchen, und viele ältere Frauen tragen statt indischer Kleidung knielange Kleider, in denen sie sehr südeuropäisch aussehen.

Willkommen im Paradies

Blaues Meer und Sandstrand, soweit das Auge reicht. Goa. Das Urlaubsgebiet Indiens. Hier treffen die Mittelklasse-Inder auf westliche Touristen in Badehosen und Bikinis. In Indien doch ein ungewohnter Anblick.
Uns gefällt es. Wir liegen den ganzen Tag am Strand, lesen, gehen baden und entspannen uns. Genießen es, nicht das Gefühl zu haben, immer etwas tun zu müssen. Nicht alle paar Tage den Rucksack neu packen zu müssen. Urlaub von Indien, Urlaub vom herumreisen. Genau das, was wir gerade brauchen. Indien ist schön, aber es ist auch anstrengend.
Hier ist das anstrengendste, den Strandverkäufern zum hundertsten Mal zu erklären, dass man keine Tücher, keine DVDs und auch keine Henna-Tattoos möchte. Und natürlich die schwierige Frage, was man denn zum Abendessen möchte. Der Nachteil in Goa ist, dass es viel weniger vegetarisches Essen gibt als im Rest von Indien. Goa war ewig eine portugiesische Kolonie, viele Inder hier sind Christen und die westlichen Touristen sind ja in der Regel auch keine Vegetarier. Man kann nicht alles haben.
Wir wohnen in einer Bambus-Hütte direkt am Strand. Die Wände der Hütte sind sehr dünn (man kann fast durchgucken). Beim Einschlafen hören wir den Ventilator, die Stimmen unserer Nachbarn und das Rauschen des Ozeans. Abends genießen wir die Sonnenuntergänge über dem Meer. Ja doch, es lässt sich hier sehr gut leben.

„You want to buy ballon?“

Wir sind jetzt zum ersten Mal in den Tropen. Zwanzig Grad oder so vom Äquator. In Mumbai. Hier ist es sogar kälter als in Rajastan. Nur 33 Grad statt 40. Dafür ist die Luftfeuchtigkeit viel zu hoch. Es kommt einem definitiv nicht kälter vor.
Ansonsten ist Mumbai aber eigentlich ganz nett. Ich weiß nicht, was alle Menschen immer gegen indische Großstädte haben. Wir gucken uns die Sehenswürdigkeiten an. Hier spielt Shantaram. Habt ihr das Buch gelesen? Wenn nicht, unbedingt machen. Eines der besten Bücher die ich je gelesen habe, spielt in Indien und ist auch noch eine wahre Geschichte.
Was ich außerdem an Mumbai mag ist, dass die Leute einem hier viel lustigere Dinge verkaufen wollen als in Rajastan. Dort gab es schöne Decken, Schmuck und sowas. Hier wollen einem die Leute riesige Luftballons und Weltkarten verkaufen. Das nervt zwar auch, aber man kann besser darüber lachen. Was genau soll ich jetzt mit einer zwei Mal zwei Meter Weltkarte? Oder einem Riesenluftballon? Was denken sich die Verkäufer dabei? Wer kauft das? Wie kann man damit Geld verdienen? Aber genau das denke ich mir auch immer bei den Eisverkäufern. Ihr Eis bewahren sie ungekühlt in irgendwelchen Eimern auf. Es müsste also schmelzen und wird wahrscheinlich auch schnell schlecht. Jedes Mal frage ich mich, wer das kauft. Und jedes Mal kommt dann irgendein Inder an und tut das.
Außerdem ist Mumbai ziemlich teuer und verwestlicht. Man bekommt hier alles, was es zu Hause auch gibt. Und hier laufen viele Inderinnen in wirklich kurzen Hosen rum. Oder Jeans. Wie auch immer man das bei der Hitze aushält. Daneben Frauen in Burka. Sind also doch nicht alle Leute so verwestlicht. Aber an den Anblick von Frauen in kurzen Hosen und Tops bin ich wirklich nicht mehr gewöhnt. Ich werde einen Kulturschock bekommen, wenn ich nach Hause komme.

Die Inder haben Langeweile

Jetzt sind wir in Udaipur. Hergekommen sind wir in einem sehr schönen Schlafbus. Richtig mit Betten. Ich hab in Deutschland noch nie von sowas gehört. Ist das überhaupt erlaubt? Man kann sich ja schließlich nicht anschnallen.
Udaipur ist eine schöne Stadt. Mit einem See und hübschen Häusern. Was für Indien doch eher ungewöhnlich ist. Genau wie in Jaisalmer und wahrscheinlich für den Rest der Reise ist es hier viel zu heiß. Vierzig Grad oder so. Mittags lässt sich das nur im Hotel aushalten. Ein gutes hat die Hitze allerding: Die Touristensaison ist vorbei. Die Hotels sind billiger und viele Läden haben geschlossen. Was ganz entspannt ist, weil einen weniger Leute drängen, etwas zu kaufen. Man sollte wissen, dass man trotzdem noch in der ganzen Stadt Touristen sieht. Sie sind überall. Wie sieht es hier erst in der Hochsaison aus?
Die Inder langweilen sich. Sie liegen vor oder in ihren Läden und schlafen. Und sie sprechen uns an. Nicht, um etwas zu verkaufen. Nur, um sich zu unterhalten. Es ist ja so wenig los. Gestern haben wir uns zwei Stunden mit einem Verkäufer unterhalten. Die erste Stunde war das ganz nett. Dann wusste man irgendwann nicht mehr, worüber man noch reden soll. Trotzdem wollte er uns abends nochmal sehen. Na gut. Und heute nochmal. Ne, langsam reicht es. Jetzt probieren wir, seinen Shop zu umgehen. Trotzdem, es war ganz nett. Und er hat tatsächlich nicht probiert, uns etwas zu verkaufen.

Riding on a Camel

Die letzten zwei Tage haben wir eine Kamelsafari durch die Wüste Thar gemacht. Es war einfach super. Außer uns beiden waren noch ein Engländer und ein Französisches Pärchen dabei. Alle wahnsinnig nett, was das Ganze noch viel besser gemacht hat. Vor allem haben sie es geschafft, in den ganzen zwei Tagen kein einziges Mal zu sagen: „Ich wünschte, ich hätte in eurem Alter auch so eine Reise wie ihr gemacht.“ Ich hasse diesen Spruch. Wir bekommen ihn von jedem zu hören. Das ist besonders schlimm, wenn uns das irgendwelche 22-jährigen erzählen, die ja dann doch nicht so viel älter als wir sind. Aber wie gesagt, diesmal wurde uns das zum Glück nicht gesagt.
Gestern früh sind wir erst einmal etwas aus Jaisalmer, wo wir jetzt sind, herausgefahren und dann ging es auf die Kamele. Die wurden erst mit allem Essen, Wasser, Decken und was man sonst so braucht beladen, und dann kamen wir. Auf einem Kamel zu reiten ist eigentlich nicht so schwer. Also reiten vielleicht schon, aber da unsere Kamele hintereinandergebunden waren, mussten wir nur oben bleiben. Es ist zwar ganz schön hoch und schaukelt ordentlich, aber oben zu bleiben ist einfach. Schwieriger ist es, wenn das Kamel aufsteht oder sich hinlegt. Beim Aufstehen schaukelt es ziemlich und wenn ein Kamel sich hinlegt hat man oft eher das Gefühl, es würde hinfallen. Nicht besonders angenehm. Ansonsten fand ich das Reiten aber ganz entspannt. Zeit, seinen Gedanken nachzuhängen und die Landschaft zu betrachten.
Die Wüste Thar ist keine Bilderbuchwüste mit endlosen Dünen bis zum Horizont. Die meiste Zeit ist sie eher steppenartig. Sandboden mit Grasbüscheln und vertrockneten Sträuchern, aber auch einige Büsche mit grünen Blättern und lila Blüten. Außerdem Ziegen, Kühe und Antilopen. Ab und zu sieht man irgendwelche Tierskelette herumliegen. Einmal sehen wir zwei Antilopen vorbeirennen, ein Hund verfolgt sie. Irgendwann sind sie verschwunden ohne dass wir wissen, wer dieses Rennen gewonnen hat.
Um neun Uhr sind wir losgeritten, um halb elf machen wir im Schatten eines Baumes Mittagspause. Essen, spielen Karten, Dösen. Erst um halb fünf, als die Sonne nicht mehr so brennt, reiten wir weiter. Auch nur bis sechs. Dann erreichen wir eine Sanddüne, wo wir übernachten werden. Zuerst gibt es einen wunderbaren Sonnenuntergang über den Dünen. Nach und nach kommen die Sterne. Ein schöner Sternenhimmel. Fast kein Licht stört die Sterne, nur in der Ferne ist der Lichtschein eines Dorfes. Trotzdem, ich hatte mir mehr Sterne erhofft. Der Sternenhimmel sah super aus, aber so einen Himmel habe ich in Deutschland auch schon gesehen.
Als wir schön in unseren Betten liegen und den Himmel betrachten, fangen unsere Führer an zu trommeln und zu singen. Es klingt grauenhaft. Das ist fieß, aber es stimmt. Ihr Gesang zerreißt die friedliche Stille, die vorher war. Es klingt einfach sehr nach Gejammer. Stellt euch einen Betrunkenen vor, der probiert, zu singen und dabei herumjammert, wie schlecht alles ist. So klang das. Meint man das, wenn man in Büchern schreibt „Die Einheimischen singen klagende Lieder“? Ich hatte mir das deutlich besser vorgestellt.
Heute war es zumindest gefühlt deutlich heißer als gestern. Die Kleidung ist vollkommen verschwitzt, wir sind dreckig von Sand und Staub und wir wollen alle nur noch eins: Eine Dusche. Als ich dann von meinem Kamel steige, bin ich trotzdem etwas traurig. Wer weiß, ob ich noch einmal auf einem durch die Wüste reiten kann.

„What is your village name?“ – „Germany“

Jetzt sind wir in Jodhpur, der blauen Stadt. Im Gegensatz zu Jaipur passt der Name hier tatsächlich. Viele Häuser in der Altstadt sind blau. Man hat die Häuser mit Indigo gestrichen, weil das Insekten fernhalten soll.
Neben dem üblichen Sightseeing (ein Fort und der Palast des Maharadscha) haben wir heute eine Village Safari gemacht. Dabei sieht man sich einige Dörfer der Bishnoi an. Die sind eine Volksgruppe in Rajasthan und quasi die ersten Umweltschützer. 1485 haben sie 29 Regeln aufgestellt die unter anderem das Fällen von Bäumen verbieten weil das Dürrezeiten verhindert.
Die Tour war wirklich interessant, wir haben die traditionelle Herstellung von Teppichen, Tüchern und Töpferwaren gesehen. Vor allem das Töpfern fand ich ziemlich beeindruckend, weil die es schaffen, nur nach Augenmaß exakt gleiche Gefäße herzustellen, die wie maschinell gefertigt aussehen. Einen der leeren Wasserkrüge konnten wir dann wie indische Frauen auf unseren Kopf setzten. Die sind ganz schön schwer. Wenn da dann noch ein paar Liter Wasser drin sind, muss das wirklich schwer sein, den zu tragen. Und bei den Inderinnen sieht das immer ganz einfach aus.
Später setzten wir uns dann noch mit einer Familie zusammen. Die Kommunikation ist etwas schwierig, da keiner den anderen wirklich versteht. Aus welchem Dorf wir den kommen? „Deutschland“ sagen wir beide. Auch da wäre ich schon nicht sicher, ob sie wissen, wo das ist. Ob wir verheiratet sind? Nicht? Aber mit 18 muss man doch heiraten? Wie viele Geschwister wir haben. Eine Schwester. Mitleidige Blicke. Darleen? Keine Geschwister. Was? Jetzt wirken sie wirklich geschockt.
Später bieten sie uns noch Opiumtee an. Opium ist zwar eigentlich verboten, aber das interessiert keinen. Wir lehnen das mal lieber ab. Ungefiltertes Wasser mit Opium drin ist ungefähr das letzte, was wir hier trinken sollten. Sie gucken verwundert. Es gehört zum guten Ton, seinen Gästen Opiumtee anzubieten. Es tut mir ja doch leid, so unhöflich zu sein, ihn auszuschlagen. Aber muss echt nicht. Wir bleiben lieber bei normalem Chai.