Richtiger Unterricht

Heute haben wir mit den Mädchen aus der sechsten Klasse wieder richtig Englisch gelernt. Wir haben ihnen eine kurze Geschichte geschrieben, die sie dann auf Hindi übersetzen mussten. Das ging ganz gut. Danach haben wir auf Englisch das Aussehen von zwei Mädchen beschrieben (die eine ist groß, hat kurze Haare und ein rotes Kleid, die andere ist klein, hat lange Haare und ein blaues Kleid) und die Kinder sollten das übersetzen und danach die Mädchen zeichnen. Eine hat das perfekt hinbekommen, drei andere so halbwegs und eine hat zwei Mädchen gemalt, die aber nichts mit der Beschreibung zu tun hatten. Die sind einfach wirklich alle sehr unterschiedlich gut. Manche können kein Wort Englisch lesen, andere lesen ganz flüssig und verstehen sogar manchmal, was sie lesen.
Neulich haben wir mit den Mädchen gepuzzelt, das war auch sehr interessant. Es war ein Weltkartenpuzzle. Ein Mädchen hat auf dem Karton das Bild angeguckt und gelesen, welche Länder wo liegen. Andere Kinder haben wahllos irgendwelche Teile zusammengedrückt. Auch Randteile einfach in die Mitte gesetzt. Kind, das geht nicht! Das sieht man doch, oder? Also mit elf Jahren erkennt man das doch eigentlich. Aber gut, vielleicht auch nicht, wenn man nie puzzelt.

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Endlich mal Unterricht

Heute Nachmittag haben wir endlich mal richtigen Unterricht mit den Mädchen aus der 6. gemacht. Wenn man einmal alle dazu bekommt, sich hinzusetzen und zuzuhören, geht das. Wir haben ihnen erklärt, wie man ein Wörterbuch benutzt. Ein paar haben das Prinzip total verstanden, anderen ist einfach nicht wirklich klargeworden, dass die Wörter alphabetisch geordnet sind. Aber das lernen die schon noch. Wir haben dann immer Wörter an die Tafel geschrieben und jede musste für ein paar die Übersetzung in Hindi raussuchen. Das Wörterbuch ist leider nicht das beste (war auch sehr billig) und wir haben schon einen Rechtschreibfehler (in Hindi) gefunden. Das ist natürlich blöd, denn in der Regel bekommen wir das ja gar nicht mit, wenn die Wörter auf Hindi falsch sind. Ansonsten hat es aber sehr gut geklappt und die Mädchen saßen tatsächlich die ganze Zeit konzentriert da, ohne zwischendurch rumzurennen und zu tanzen.
Heute war wieder Water-Day. Ist in letzter Zeit fast jeden Tag. Ein paar Mädchen verschwinden dann immer aus dem Unterricht, weil sie helfen müssen, die Wasserkanister aufzufüllen. Neulich hatte ich so eine Situation. Die Mädchen saßen da, ein Lehrer hat mit ihnen Mathe gemacht. Plötzlich steht eine Mutter an der Tür und erklärt ihrer Tochter, sie solle jetzt rauskommen. „Pani, pani“ (Wasser, Wasser) verstehe ich nur. Ihre Tochter guckt böse. Sie sagt sowas wie „Nein Mama, ich will jetzt aber Mathe lernen.“ Zum Schluss folgt sie böse guckend ihrer Mutter nach draußen. Irgendwas läuft da ganz falsch. Ein Kind, das gerne Mathenachhilfe haben will, aber nicht darf, weil es Wasserkanister auffüllen muss. Einfach ganz falsch.

Mädchen, ihr seid anstrengend!

Nachmittags unterrichten wir jetzt nicht mehr die kleinen Kinder aus der ersten und zweiten Klasse, sondern die Mädchen aus der fünften und sechsten Klasse. Oh Gott, sind die anstrengend! Dazu kommt noch, dass wir ohne einen anderen Lehrer mit denen in einem Raum sind. Früher war Rahul immer noch da, aber der kommt nicht mehr. Anscheinend geht er in letzter Zeit tatsächlich mal in die Uni.
Die Mädchen können ungefähr genauso viel Englisch, wie die Kinder aus der ersten und zweiten Klasse. Nur, dass man sie nicht dazu bringen kann, still zu sitzen. Die kleinen Kinder waren zufrieden, wenn sie irgendwelche Tiere ausmalen durften. Dabei haben sie dann gleich noch die Tiernamen gelernt. Mit denen, die motivierter waren, konnte man dann Mathe machen oder ihnen mehr Englisch beibringen.
Die Mädchen aus den höheren Klassen lesen uns irgendwelche Texte aus ihrem Buch vor, die sie nicht verstehen. Dann schreibe ich ein paar Vokabeln an die Tafel und probiere, sie ihnen zu erklären. Leider kann aber natürlich immer nur ein Kind lesen. Die anderen lernen in der Zeit dann nicht etwa Hindi oder Mathe oder so, sondern sie rennen durch den Raum und spielen fangen oder tanzen oder sowas. Es ist unglaublich anstrengend. Heute hat Darleen sie schon ziemlich angeschrien. Für zwei Minuten war es leise, danach haben sie weitergemacht, als wäre nichts gewesen.
Ich verstehe nicht, warum wir nicht mehr die kleinen Kinder unterrichten. Ich glaube, Sunita, die Lehrerin, dacht, die großen sind entspannter. Falsch! Die sind alle sehr nett, aber sie machen einen wahnsinnig. Vormittags ist es entspannter. Da unterrichten wir die Kinder aus der dritten und vierten Klasse und manchmal auch noch ein paar von denen aus der ersten und zweiten. Die können sich alle ganz gut selber etwas beibringen solange man mit einem anderen Kind beschäftigt ist. Und vor allem rennen sie nicht die ganze Zeit durch den Raum. Irgendwie verkehrte Welt, ich hätte ja gedacht, die großen müssten vernünftiger sein, aber so ist das nicht.

Wir sitzen

Morgen ist in Indien Feiertag: Republic Day. Bei uns im Slum war deshalb heute ein Straßenfest. Irgendwoher haben sie eine Bühne, Stühle, eine Musikanlage und ganz viele kleine Indien-Flaggen bekommen. Dann wurden immer abwechselnd Reden gehalten und die Kinder haben die Tänze vorgetanzt, die sie die ganzen letzten Tage geübt haben. Synchron getanzt haben sie zwar immer noch nicht, aber es war schon besser als vor ein paar Tagen. Und auf jeden Fall hatten sie ihren Spaß. Keine Ahnung, ob die Kinder sonst glücklich sind, aber wenn man ihnen beim Tanzen in die Augen sieht, dann weiß man, dass sie es in diesem Moment sind.
Von den Reden haben wir leider kein Wort verstanden, da sie natürlich auf Hindi waren. Wir wurden gefragt, ob wir auch etwas sagen möchten. Nein bloß nicht, was denn? Und auf Englisch versteht uns doch sowieso niemand.
Wir wurden auch nicht auf die normalen Zuschauerplätze gesetzt, sondern auf ein paar Stühle hinten auf der Bühne. Warum? Das ist grauenhaft. Da wurden wir die ganze Zeit angestarrt. Und außerdem konnten wir die Tänzer immer nur von hinten sehen. Das ist doch blöd. Aber das ist immer so. Überall wo man hinkommt: „Ma’am sit.“ Nein, will ich aber gar nicht. Das ist total lieb gemeint, aber es nervt. Immer die Einzige zu sein, die sitzt, wenn alle anderen stehen. Das ist total unangenehm. Und es ist immer so, dass man dadurch schlechter sieht. Und irgendwas gibt es immer zu sehen. Ne, in Indien Gast sein nervt irgendwie. Man wird nie normal behandelt, immer so, als wäre man irgendwie ganz besonders wichtig und toll. Aber das will ich gar nicht. Behandelt mich doch einfach wie einen ganz normalen Menschen, bitte.

Bollywood-Tanzen

Wisst ihr, was ich nicht mag?
E regnet schon den ganzen Tag.
Plötzlich wird’s noch nasser
Im Slum gibt’s heute Wasser.

Wirklich, warum regnet es um diese Jahreszeit? Soll das so sein? Eigentlich mag ich Regen, nur wenn man auf unbefestigten Straßen läuft ist es nicht besonders praktisch. Aber das sind zum Glück nur ein paar Meter durch den Slum.
Anscheinend findet demnächst irgendein Tanzwettbewerb statt, bei dem ein Teil der Kinder aus unserem Projekt teilnimmt. Heute haben sie deshalb zweieinhalb Stunden lang geübt. So Bollywood-Tanzen zu Bollywood-Musik. Sehr witzig. Ein paar von denen können das wirklich gut. Das Problem ist nur, wenn sie zusammen tanzen. Sie sollten eigentlich synchron tanzen, aber das hat leider kein bisschen geklappt. Ansonsten aber wirklich nicht schlecht. Wirklich so, wie man das in irgendwelchen Bollywood-Filmen sieht.
Komisch wird es nur, wenn plötzlich irgendwelche achtjährigen anfangen, auch so zu tanzen. Die Hüften zu schwingen und sowas. In Deutschland hüpfen Kinder in dem Alter eher im Kreis. Wenn die wie Erwachsene tanzen würden, fände man das ziemlich merkwürdig und würde sich fragen, wie die denn erzogen wurden.

Wieder in Delhi

Jetzt sind wir also wieder in Delhi. Die Busfahrt hierher verlief super bis auf die Tatsache, dass es zum Schluss so neblig war, dass man nur ein paar Meter weit gucken konnte. Und das Wetter ist wirklich netter als in Palampur. Nicht heiß, aber angenehm. Heute hatten wir plötzlich heftigen Regen und sogar Gewitter. Warum? Ist doch die falsche Jahreszeit?
In der Schule haben wir gleich wieder weitergearbeitet. Das schönste war, dass sich einige Kinder sogar noch an unsere Namen erinnern konnten. Und das, obwohl da ja dauernd irgendwelche Freiwilligen sind.
Ganz kurz möchte ich hier noch etwas zu den aktuellen Vergewaltigungen in Indien sagen. Ich finde das auch gruselig, weil man sich der Illusion hingibt, als Touristin sicher zu sein. Ist man auch eher als die Inderinnen, ein Risiko besteht aber trotzdem. Mir geht es aber gut, in der ganzen Zeit hier wurde ich noch nie irgendwie belästigt. Wirklich noch nie, keine Übertreibung.

Bye-bye Himachal

Die letzten Tage ist absolut nichts Spannendes passiert. Wir lagen mit einer Erkältung im Bett. Und morgen Abend geht es zurück nach Delhi, in unser altes Projekt. Sieben Wochen sind wir jetzt hier. Eine Woche länger als wir in Delhi waren. Aber so kommt es mir nicht vor. Delhi fühlt sich viel eher nach Zuhause an. Vielleicht, weil wir unsere Wochenenden nie woanders verbracht haben. Vielleicht, weil die Kinder in Delhi so unfassbar lieb waren. Vielleicht, weil wir hier nie eine richtige Routine hatten. Erst die Arbeit im Daycare-Center, dann in der Schule für behinderte Kinder, Weihnachtsferien, dann wieder ins Daycare-Center. Irgendwie alles sehr merkwürdig.
Die Schule war super. Eine wirklich großartige Erfahrung und auch ein total gutes Projekt. Jetzt gibt es dort für uns nichts mehr zu tun. Ganz viele von den Kindern sind krank (werden Down-Syndrom-Kinder häufiger als andere Menschen) und im Moment gibt es tatsächlich fast mehr Freiwillige als Schüler.
Im Daycare-Center habe ich mich die meiste Zeit eher überflüssig gefühlt, aber mit den Frauen dort zu reden war auch sehr interessant. Ein Leben kennenzulernen, was komplett gegenteilig ist zu allem, was ich aus Deutschland kenne.
Unsere Unterkunft hier ist nicht schön (ok, die in Delhi auch nicht, aber doch etwas schöner). Dass alles etwas abgeranzt ist, das stört mich nicht wirklich. Aber ich habe hier gelernt, dass ich wirklich ein Problem mit Kälte habe. Und das, obwohl unser Schlafzimmer ja sogar geheizt wurde und ich beim Schlafen zumindest nicht frieren musste. Ganz anders, als es den meisten Indern hier geht. Ja, ich bin doch verwöhnt. Das habe ich hier definitiv gelernt.
Ich freue mich auf Delhi. Auf etwas mehr Wärme; darauf, die Kinder in der Schule wiederzusehen; jeden Tag zum Mittagessen in ein gutes Restaurant zu gehen; von meinem Laptop aus ins Internet zu koennen und nicht von einem Computer, der in einem Raum mit Aussentemperatur steht und das Hochladen eines Blogeintrages bis zu einer halben Stunde dauert (ja, immerhin gibt es Internet und eigentlich wil ich davon auch nicht so abhaengig sein, aber trotzdem); wieder eine Stadt um sich zu haben. Viele Leute erzählen einem, sie würden Delhi nicht mögen, es wäre so anstrengend dort. Wenn man an den Touristenorten ist, stimmt das. Ansonsten geht es eigentlich. Klar, es ist laut und die Luft ist nicht so schön und man wird öfters angebettelt. Aber Delhi hat einen entscheidenden Vorteil zu Palampur: Man kann sich nach acht Uhr abends draußen aufhalten. Das klingt komisch, ich weiß. Aber in Delhi ist um die Zeit noch etwas los, es sind noch Menschen auf der Straße. In Palampur hat um die Zeit alles zu, es ist stockdunkel und auf den Straßen sind nur noch ein paar Männer. Es ist wirklich gruselig. Nicht, dass einem wirklich etwas passieren würde. Aber wir hatten doch jedes Mal Angst, wenn wir dort langlaufen mussten. Abends um acht. Das ist wirklich traurig. Das ging mir in Delhi nicht so. Aber wir haben auch in einem besseren Teil von Delhi gewohnt und außerdem fährt einen die Rikshaw sowieso bis direkt vor die Haustür. Kein Risiko.
Es gibt auch Sachen, die ich hier vermissen werde. Meine Lieblinngssüßigkeiten, irgendein klebriges Zeug mit Kokosstreußeln, sehr lecker aber ich habe nicht rausgefunden, wie es heißt. Als ich gefragt habe, hat mir der Verkäufer nur erklärt, dass es Zuckerfrei ist. Als ob. Ich hoffe, das gibt es in Delhi auch. Außerdem ist hier alles noch billiger als in Delhi, was natürlich auch ganz schön ist. Es wird mir fehlen, dass man zum Busbahnhof gehen kann und immer ein Bus bereitsteht, der genau jetzt zu dem Ziel fährt, zu dem man gerne möchte. Der Klopapiermensch (Er hat den einzigen Laden weit und breit, der Toilettenpapier verkauft, vermutlich auch nur für alle Freiwilligen, die herkommen.), der uns schon kennt und immer schon genau weiß, was wir bei ihm kaufen möchten. Was mir aber am meisten fehlen wird, sind die Berge. Diese unglaubliche Aussicht, die mir immer noch den Atem nimmt. Immer die gleichen Berge, die doch immer anders aussehen. Ich bin froh, dass wir noch nach Nepal reisen. Aber morgen geht es erstmal zurück nach Delhi. Tschüss Himachal. Es war eine interessante Erfahrung hier, auch mit vielen schönen Momenten, aber es reicht jetzt auch.